Kommissionieren gilt als leichte Arbeit, weil die einzelnen Gebinde selten schwer sind. Wer nach einer Schicht Rücken, Schultern und Knie spürt, hat eine andere Erfahrung gemacht. Dieser Text erklärt, warum im Pickbereich nicht die Kilogrammzahl über die Belastung entscheidet, sondern die Höhe, aus der gegriffen wird, und wie oft. Er ist für Kommissionierer, Fachlageristen und Fachkräfte für Lagerlogistik geschrieben – und für alle, die einen Kommissionierbereich einrichten oder verantworten.
Die drei Zonen im Regal
Jede Regalfront und jeder Palettenstellplatz lässt sich in drei Zonen einteilen, und diese Einteilung erklärt fast alles.
Die bequeme Zone liegt ungefähr zwischen Hüfte und Schulter. Hier arbeitet der Arm in einem günstigen Winkel, der Rumpf bleibt aufrecht, die Last lässt sich nah am Körper führen, und der Blick fällt ohne Kopfbewegung auf die Ware. Wer aus dieser Höhe greift, belastet die Wirbelsäule kaum stärker als im ruhigen Stand.
Darunter beginnt die Bückzone. Jeder Griff dorthin verlangt entweder eine Rumpfbeugung oder ein Absenken in die Hocke. Beides kostet Zeit, und weil Zeit im Pickbereich knapp ist, gewinnt in der Praxis fast immer die Beugung. Oberhalb der Schulter liegt die Streckzone. Dort ermüdet der Schultergürtel schnell, die Kontrolle über die Last nimmt ab, und ein Gebinde aus dem oberen Fach kommt dem Körper nicht entgegen, sondern von oben.
Schnelldreher gehören in die bequeme Zone, Langsamdreher nach unten und nach oben. Das ist die wirksamste einzelne Maßnahme im Kommissionierbereich, und sie kostet nichts als eine Umlagerung. Welcher Artikel wie oft gegriffen wird, steht in jedem Lagerverwaltungssystem; die Auswertung ist eine Stunde Arbeit, die Umlagerung ein Wochenende, und danach liegt ein großer Teil der täglichen Griffe in der Höhe, in der der Körper am wenigsten leidet. Dass viele Lager trotzdem nach Artikelnummer sortiert einlagern, ist Gewohnheit und keine Notwendigkeit.
Der teuerste Griff der Branche
Die unterste Palettenlage ist der teuerste Griff im Lager. Sie verlangt eine tiefe Rumpfbeugung, häufig mit Drehung, weil der Rollbehälter oder die Palette hinter oder neben dem Kommissionierenden steht, und sie verlangt sie mit dem vollen Gewicht des Gebindes, denn eine volle Kiste steht selten oben.
Die Kombination aus Beugung und Drehung ist die ungünstigste Bewegung überhaupt, und sie ist im Pickgang der Normalfall statt der Ausnahme. Dazu kommt, dass in dieser Höhe niemand ankippen, abstützen oder umgreifen kann, ohne noch tiefer zu gehen. Wer solche Griffe zählt statt sie zu schätzen, kommt in vielen Bereichen auf einen erheblichen Anteil aller Picks. Wie sich Zwangshaltungen dieser Art auswirken und wo sie sonst noch vorkommen, steht in Zwangshaltungen, Knien und Überkopfarbeit.
Die Abhilfe ist unspektakulär: Die unterste Lage wird nicht bepickt. Palettenstellplätze bekommen einen Sockel, ein Unterbau hebt die Palette an, oder der Bereich wird als Reservelage geführt und erst dann angebrochen, wenn die Palette auf eine Kommissionierhöhe umgesetzt worden ist.
Häufigkeit schlägt Gewicht
Der hartnäckigste Irrtum im Lager ist die Vorstellung, Belastung ließe sich in Kilogramm ausdrücken. Mehrere hundert Griffe je Schicht aus ungünstiger Höhe belasten den Rücken stärker als einzelne schwere Lasten aus guter Höhe. Die Bandscheibe erholt sich zwischen zwei Belastungen, aber nur, wenn zwischen ihnen Zeit liegt; im getakteten Pickbereich liegt dort nichts.
Genau das bildet die Leitmerkmalmethode ab, mit der Belastungen beim Heben, Halten und Tragen beurteilt werden: Sie bewertet Lastgewicht, Körperhaltung, Ausführungsbedingungen und Häufigkeit zusammen und kommt deshalb bei fünf Kilogramm aus der Bodenlage, vierhundertmal am Tag, zu einem höheren Risiko als bei zwanzig Kilogramm, zweimal am Tag aus Hüfthöhe umgesetzt. Was die Lastenhandhabungsverordnung verlangt und was sie ausdrücklich nicht sagt, ist in Heben und Tragen beschrieben.
Arbeitsmittel: was den Griff verändert
Die Liste der Hilfsmittel, die eine ungünstige Greifhöhe in eine günstige verwandeln, ist lang und in den meisten Betrieben nur zum Teil ausgeschöpft.
Hubwagen mit Hubfunktion heben die Palette auf Arbeitshöhe an und lassen sie mit sinkendem Füllstand mitwachsen. Scherenhubtische tun dasselbe stationär, teilweise selbsttätig über eine Federung. Kippbehälter neigen die Ware dem Greifenden entgegen, statt ihn in den Behälter hineingreifen zu lassen. Durchlaufregale mit Neigung schieben die nächste Einheit von selbst nach vorn, sodass der Griff immer an derselben Stelle stattfindet. Hebehilfen und Vakuumheber nehmen das Gewicht vollständig ab, dort wo Kartons, Säcke oder Platten eine glatte Oberfläche haben. Und eine Kommissionierameise mit Trittstufe erspart die Leiter und den unsicheren Griff in die obere Lage.
Was von alledem fehlt, ist eine Organisationsentscheidung und kein Naturgesetz. Diese Unterscheidung lohnt sich im Gespräch mit der Führungskraft: Es geht nicht darum, ob jemand kräftig genug ist, sondern darum, ob ein Arbeitsmittel beschafft wurde. Wer den Stapler oder die Ameise führt, braucht dafür ohnehin eine Ausbildung und eine schriftliche Beauftragung, siehe Flurförderzeugschein.
Pick-by-Voice, Pick-by-Light und der Takt
Beleglose Kommissioniersysteme haben einen echten ergonomischen Vorteil. Wer über Kopfhörer die Fachnummer hört oder eine Leuchte am Fach sieht, muss nicht mehr zwischen Liste und Regal wechseln, hat beide Hände frei und den Blick auf der Ware statt auf dem Papier. Der Nacken dankt es, die Greifgenauigkeit steigt, und Fehlgriffe nehmen ab.
Der Zielkonflikt gehört trotzdem benannt: Dieselben Systeme erhöhen den Takt. Sie messen jede Sekunde zwischen zwei Bestätigungen, sie geben die nächste Position vor, bevor die letzte verstaut ist, und sie machen die Leistung jedes Einzelnen sichtbar. Was ergonomisch entlastet, kann psychisch belasten – Zeitdruck, Fremdbestimmung und dauernde Rückmeldung sind eigene Gefährdungsfaktoren, die in Psychische Belastung am Arbeitsplatz beschrieben sind. Ein System, das den Blick freigibt und gleichzeitig die Pausen wegrechnet, hat unter dem Strich nichts verbessert.
Der Packtisch
Am Ende der Strecke steht der Packtisch, und dort wiederholen sich dieselben Fragen auf kleinerem Raum. Die Arbeitshöhe sollte so liegen, dass die Unterarme beim Packen ungefähr waagerecht geführt werden; alles, was oft gebraucht wird – Klebeband, Etikett, Füllmaterial, Scanner –, gehört in den Greifraum, den der Arm ohne Rumpfbewegung erreicht.
Dazu kommen eine Stehhilfe, die kurzes Anlehnen erlaubt, eine Anti-Ermüdungsmatte gegen den harten Hallenboden und Schuhe, die dämpfen; was der Betrieb davon stellen muss, steht in Persönliche Schutzausrüstung. Ausreichendes und blendfreies Licht am Packplatz gehört ebenso dazu, siehe Beleuchtung am Arbeitsplatz.
Die eigentliche Frage ist aber eine andere: Ist der Tisch verstellbar, und wird er auch verstellt. In vielen Betrieben steht ein höhenverstellbarer Packplatz seit Jahren auf derselben Höhe, obwohl in einer Schicht zwei unterschiedlich große Menschen daran arbeiten. Eine Verstellung, die dreißig Sekunden dauert und nie gemacht wird, weil sie in der Übergabe nicht vorgesehen ist, ist ein ungenutzter Schutz.
Was Sie selbst tun können
Wenn der Betrieb nichts ändert, bleibt ein Rest, der in Ihrer Hand liegt. Setzen Sie die Füße um, statt sich zu drehen – damit ist der ungünstigste Teil der Bewegung schon vermieden. Kippen Sie die Last vor dem Anheben an, um Gewicht und Schwerpunkt zu prüfen. Greifen Sie in Zyklen, statt den Rumpf über mehrere Griffe hinweg tief zu halten: einmal absenken, einmal aufrichten ist besser als minutenlang gebeugt zu arbeiten. Und tauschen Sie Aufgaben, wo das Team das zulässt; ein Wechsel zwischen Pickgang, Packtisch und Warenannahme verteilt die Belastung auf andere Strukturen. Was bei bereits bestehenden Beschwerden hilft und was nicht, steht in Rückenschmerzen bei körperlicher Arbeit.
Belastung ist gestaltbar
Der Kommissionierbereich ist kein Naturzustand. Zonen, Palettenhöhen, Hilfsmittel, Takt und Packtisch sind allesamt Entscheidungen, und Entscheidungen lassen sich ändern. Der Hebel dafür ist die Gefährdungsbeurteilung: Sie muss die tatsächlichen Griffe erfassen, nicht die geplanten, und sie muss zu Maßnahmen führen, sonst ist sie ein Papier. Wer Belastungen benennen kann und weiß, welches Arbeitsmittel fehlt, argumentiert im Betrieb anders als jemand, der nur sagt, es sei anstrengend.
Und wer feststellt, dass sich über Jahre nichts bewegt, sollte den Vergleich suchen: Zwischen zwei Lagern liegen in dieser Frage Welten, und ein gut eingerichteter Pickbereich ist ein Argument bei der Auswahl. Ein Blick in die offenen Stellenangebote lohnt sich dann ebenso wie die gezielte Suche nach Stellen für Kommissionierer.
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